Auf ein Wort

Schau mich an mit den Augen der Liebe

Heute will ich eine Lanze brechen für die Augen der Liebe. In einem Gebet habe ich diesen Satz gelesen, auch schon gesprochen: „Schau ihn an mit den Augen der Liebe.“ Er ist in meinem Ohr aufgetaucht, als ich diese Bilder gesehen habe von Menschen mit einer Herzchenbrille, wie ein Ohrwurm geht er mir nicht aus dem Kopf. „Schau ihn an mit den Augen der Liebe“.
Die rosarote Brille, die kennen wir. Unsere Umschreibung für „naiv“ oder „sieht nur das, was er sehen will“. Manchmal ist man auch so glücklich, dass man alles durch die rosarote Brille sieht. Verliebt, da wirkt alles gleich ganz anders. Die Kritiker unter uns werden gleich anmerken, dass Verliebte ja blind sind, und deshalb die Schwierigkeiten im Leben übersehen. Hinterher wachen sie auf. Nein, mit Naivität soll das nichts zu tun haben. Aber ansehen mit den Augen der Liebe, das könnte man doch mal versuchen. Man muss sich ja nicht gleich in den anderen verlieben dafür.
Mein eigener Feldversuch ist gar nicht geplant. Ich habe mich geärgert, war wütend über eine dieser Nichtigkeiten, ein falsches Wort am richtigen Ort, vielleicht kennen Sie das, es kann auch ein Schweigen sein, wo man sich Hilfe erwünscht hätte, ein flotter Spruch, wo man gerne ernst genommen worden wäre. Schon ist der Ärger da, und wenn man Pech hat, begleitet und ärgert einen. Dummerweise einen selbst viel mehr als die Person,  die den Ärger hervorgerufen hat, die ahnt ja meistens nichts davon. Also ist man fast dabei, sich den Tag zu vermiesen. An einem solchen Tag gehe ich mit einem solchen Ärger in ein Geschäft. Und sehe so eine Herzchenbrille. Und da war er wieder, dieser Satz. „Schau ihn an mit den Augen der Liebe“. Ein Gedanke wie klare Luft. Was, wenn ich den anderen mit den Augen der Liebe ansähe? Ist das möglich? „Nein“, sagt der Ärger, „davon geht der Grund für den Ärger ja nicht weg.“  „Ja“, sagt das Hirn, dass etwas von der klaren Luft abbekommen hat. Vielleicht hat die Freundin gar nicht gemerkt, was sie sagt. Vielleicht hat der Kollege selbst einen schlechten Tag gehabt. Und überhaupt, macht es Sinn, sich so den Tag zu vermiesen? Ist es nicht wichtiger, dass ich den anderen grundsätzlich mag? Kurz holt der Ärger noch mal aus, will sich seinen Platz zurück erobern, bevor er mit einem großen „Pfft“ das Weite sucht. „Schau ihn an mit den Augen der Liebe“. Wie viel des Ärgers, den wir mit uns herum tragen, liegt in unserer eigenen Unzufriedenheit, unserer eigenen Unsicherheit.  Vielleicht gefällt uns ja die Version, wenn wir selbst so angesehen werden:
„Schau mich an mit den Augen der Liebe“. Oh, wäre das schön, wenn mich jemand mit solchen Augen anschaut. Den diese Augen sehen das, was liebenswert ist, sie sehen direkt ins Herz, das Gute, das in mir ist. Sie sehen das, was ich nicht gut kann, das was mir misslungen ist,  da, wo ich alt geworden bin und denken dabei: ach, wie süß, oder was haben wir schon für gemeinsame Tage miteinander erlebt.
„Schau uns an mit den Augen der Liebe“, ein Gebet, das ich auch in dieser Version gerne gen Himmel sende. An den Gott, der ins Herz schaut, während der Mensch oft nur das sieht, was vor Augen ist. Ich denke er sieht uns an mit den Augen der Liebe. Probieren wir es doch auch aus.

 

Herzliche Grüße

Katja Föhrenbach
Pfarrerin der Wicherngemeinde