Auf ein Wort

Freiheit

Nicht zu den fünf Besten gehörend, das war das Ergebnis der Auswahlprüfung, gleich dreimal hintereinander. Zu verkrampft, zu ängstlich, nicht selbstbewusst genug. Die Performanz stimmte nicht. Vielleicht war einfach die Angst zu groß, schließlich wollte ich mit meinem Beruf auch meine Familie ernähren. Eine Reihe des Scheiterns, bis ich aufgab, das Gleis wechselte. Ich fand ein anderes Feld, meine Talente einzusetzen, einen anderen Arbeitgeber, der mir ein Gehalt zahlte. Jahre später wagte ich einen neuen Versuch. Aus der Freiheit heraus, dass ich nicht muss, sondern kann. Zwischen den Prüfungen sprach ich mit einer Freundin. Das Gespräch gab mir Sicherheit: Sicherheit, dass ich gehalten bin, selbst wenn es wieder nicht klappen sollte. Dass es andere Möglichkeiten gab, vielleicht sogar die besseren für mich, wer weiß das schon? Sie gab mir Vertrauen: Es kann nichts schief gehen, denn wenn es diesmal nicht funktionierte, dann ist ein anderer Weg vielleicht besser für mich. Diesmal klappte es.

Freiheit bedeutet nicht, dass alle Möglichkeiten offen stehen. Das haben wir, zumindest in der Theorie. Auswahlmöglichkeiten ohne Ende, von der Freiheit, sich den richtigen Joghurt unter 100 verschiedenen im Kühlregal auszusuchen, über die Freiheit der richtigen, erfüllenden Berufswahl zur Freiheit der passenden Bestattungsart. Diese Freiheit macht allerdings vielen Menschen Angst, da mit ihr der Druck einhergeht, sich für das Richtige entscheiden zu müssen. Und Angst ist das Gegenteil von Freiheit. Meine Freundin damals schenkt mir die Sicherheit, dass alles seine Richtigkeit haben wird, auch wenn es anders kommt, das Vertrauen, dass das Leben nicht davon abhängt, was ich richtig mache oder nicht, und was gelingt oder nicht. Ich wurde frei, für diesen Moment, zu agieren, konnte aus vollem Herzen sagen, was mir wichtig war. „Ihr seid zur Freiheit berufen“ sagte Paulus zu den jungen Christinnen und Christen. Er war frei genug, sein Leben grundlegend zu ändern, vom Kritiker und Vernichter zum Überzeuger. Doch gibt es Freiheit überhaupt? Eigentlich sind wir doch immer gebunden, durch unser Umfeld, durch unsere eigenen Ängste, durch Regeln, die wir oder andere uns gegeben haben. Freiheit entsteht, momentweise. Und sie entsteht durch Sicherheit und Vertrauen. Als Christ*innen bekommen wir Freiheit in dem Vertrauen darauf, dass es ein Mehr gibt als unsere eigenen Entscheidungsmöglichkeiten, mehr als unsere Fähigkeit, die Welt zu retten, mehr als unser Vermögen, gutes Leben zu gewährleisten. Diese Freiheit ermöglicht uns wiederum zu handeln, uns einzusetzen für all die, die nicht frei sein können.

Freiheit war ein Thema Luthers, der für die Freiheit von der Übermacht der Kirche gekämpft hat und ist somit auch Thema in diesem Reformationsjahr. Freiheit ist heute ein Thema, wenn Menschen aus unfreien Ländern nach Deutschland flüchten, um frei leben zu können. Wenn zugleich in Europa viele Menschen verstärkt nach Regeln und Eingrenzung – im wörtlichen und im übertragenen Sinne – rufen. Unsere Sommerkirche haben wir deshalb in diesem Jahr dem Thema Freiheit gewidmet. Mit Aussagen der Bibel über Freiheit, historischen Zeugnissen und aktuellen (und älteren) Songs steht die Freiheit im Mittelpunkte unserer Gottesdienste von Juli bis August. Vielleicht sehen wir uns dort – fühlen sie sich frei zu kommen!

Herzliche Grüße
Katja Föhrenbach
Pfarrerin der Wicherngemeinde