Auf ein Wort

Sommerruhe

Sommer. Das ist die Zeit des Aktiv-Seins. Des Rausgehens, der Bewegung, des Radfahrens, Schwimmen Gehens. Reisezeit. Gartenzeit. Die Wärme und das Licht machen aktiv, die Insekten schwirren umso schneller, je wärmer es ist. In den skandinavischen Ländern, zumindest in den nördlichen Teilen, sind die Menschen 20 Stunden auf den Beinen, holen nach und leben vor für die dunkle Jahreshälfte.
Sommer. Wenn ich mich zurück erinnere, dann fallen mir dazu nun ausgerechnet die Momente der Ruhe ein. Als Jugendliche, im Schwimmbad. Nach dem Schwimmen im Halbschatten hinlegen, die Wärme auf der Haut spüren und dösen. Nichtstun. Auf einem Felsen sitzen, den Blick in die Ferne schweifen lassen. Ohne Plan, einfach schauen. Den leichten Wind spüren. Nichts denken, nichts tun. Im Wasser liegen, den „toten Mann machen“, den Blick in das endlose Blau. Nichts denken, nur spüren. Nichtstun.

Ein Kind liegt am 13.08.2009 auf einem großen Stein an einem Gebirgsbach in Angrogna, Piemont (Italien).

Nichtstun hat den Anklang, als haben wir verpasst, etwas zu tun. Waren ineffektiv, haben eben „nichts getan“, wo man doch etwas hätte tun können. Von meinem Vater habe ich diesen Halbvers in Erinnerung über den Augenblick: „und den du nicht genutzt, den hast du nicht gelebt“. Er hat ihn mir ins Poesiealbum geschrieben, das leider bei einer Klassenfreundin verschollen ist. Ich kenne den Anfang des Spruches nicht mehr. Geblieben ist mir die Idee davon, dass man die Zeit ausnutzen sollte, um möglichst viel zu tun.
Nun habe ich diesen Vers von Rilke gelesen: „Ich habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu sein, diejenigen sind, die wir in tiefster Tätigkeit verbringen.“
Erzwungene Ruhe, die gibt es, wenn man sich ein Bein bricht, oder rekonvaleszent ist. Die gibt es aber auch am Sonntag, wenn die Geschäfte zu haben. Zumindest mehr als wochentags. Auch wenn wir glauben, auch dann ständig präsent sein zu müssen, der Nutzen einer allgemein verordneten Ruhe ist sinnvoll für Gemeinschaft und für die Gesundheit des einzelnen. Der Hintergrund ist ein religiöser. Die Ruhe am Sabbat ist im Alten Testament religiös mit einem Gebot verordnet. Sie ist so wichtig, dass sie als heilig bezeichnet wird. Eine heilige verordnete Ruhe. Heute durchbrochen von Arbeitsmails, die man natürlich auch am Sonntag und im Urlaub beantworten kann und der Möglichkeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit online zu shoppen. Doch bisher bleibt uns der Sonntag.
Eine verordnete Ruhe. In manchen Arbeitsverträgen stand früher, dass vom Jahresurlaub möglichst drei Wochen am Stück genommen werden sollen, um eine Erholung der Arbeitnehmenden zu gewährleisten. Inzwischen ändert sich das, der personelle Druck in vielen Unternehmen erlaubt so viele Wochen am Stück nicht mehr. Dabei ist die Ruhe am Stück ebenso wie die regelmäßige Ruhe auch aus gesundheitlichen Gründen erwiesenermaßen sinnvoll.
Ich möchte aber auf die religiöse Dimension der Ruhe zu sprechen kommen. Die Ruhezeit ist heilig, weil sie die Begegnung mit dem Heiligen ermöglicht. Weil tief in uns sich die Kraft des Heiligen wie eine Blume entfalten kann – aber erst dann, wenn sie Freiheit und den Raum dazu hat. Die Momente des echten Nichtstun, der Selbst- und Weltvergessenheit katapultieren einen aus der Zeit, wie es beim Meditieren geschehen kann, wenn ich nicht weiß, ob drei oder 30 Minuten vergangen sind, wenn die Grenzen des Wachseins und des Schlafens verschwimmen, ohne dass man schläft. Näher kommt man zumindest einer Ahnung von Ewigkeit selten.
Der Autor Peter Handke sagte in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung 2012 über die Ruhe: „Ich glaube an die Ruhe. Für mich ist die Ruhe das Höchste, das Intensivste am Menschen. Aus der Ruhe kommt alles. Die Ruhe ist dramatisch. Die Ruhe will aktiv werden. Die Ruhe strahlt. Das sagt man ja: Er strahlt Ruhe aus. Die schönste Strahlung ist die Ruhe. Ruhe ist Freude, ist Teilnahme, ist Erbarmen, ist Gott. Ich spreche von einem Ideal. Die Ruhe ist auch Lust.“
Ich ergänze: Die Ruhe ist Hinwendung zu Gott. Sie erlaubt, ihn zu hören, sich auf ihn hin zu öffnen. Ich denke an eine Strophe aus dem alten Lied „Gott ist gegenwärtig“ von dem aus pietistischer Tradition stammenden Gerhard Tersteegen: „Du durchdringest alles, lass dein schönes Lichte, Herr, berühren dein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten.“ Und wieder bin ich bei meinen ruhigen Stunden im Nichtstun im Sommer. Zweckfrei, nicht um zu schlafen, nicht um mich für den Arbeitstag fit zu machen. Ohne Hintergedanken. In der Sonne stille halten. Das Gesicht der Kraft entgegen strecken, die in uns wirkt, die Leben und Licht schenkt. Und der Kraft in uns dadurch Raum geben, ohne sie gleich formen zu wollen. Sommer, Zeit der Muße und Ruhe.
Herzlich,
Ihre Katja Föhrenbach