Auf ein Wort

Gedanken zur Sommerzeit!

Sobald sich die ersten kräftigen Sonnenstrahlen zeigen, zieht es die Menschen hinaus ins Grüne, in die Straßencafés und Parks. Das konnte man in den letzten Wochen wieder deutlich in Frankfurt wahrnehmen. Menschen sehnen sich nach Himmel, Licht und Weite, nach dem, was ihnen die Wohnungen und Büros nicht bieten können.
Dann erwacht auch die Vorfreude auf die Urlaubszeit: endlich einmal wieder das einerlei des Alltags hinter sich lassen zu können und in der Natur aufzutanken, je nach Vorliebe in den Bergen, an der See oder einem anderen schönen Platz dieser Erde.
Mit seinem Lied „Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“ hat der Dichter Paul Gerhardt dieser Sehnsucht einen treffenden Ausdruck gegeben. Er schrieb seinen bis heute bekannten Sommergesang in einer Zeit, in der das Wort „Lustwandeln“ in Mode kam. Die Städter spazierten durch neu angelegte Gärten, „Sehnsuchtsorte, in denen sich für einen kleinen Moment der alltägliche Kampf in eine heile Welt verwandelt“, wie die frühere Kulturbeauftragte der evangelischen Kirche in Deutschland Petra Bahr in einem lesenswerten Buch über Paul Gerhardt schreibt.
Wer in der Natur lustwandelt oder sich auf einer Wiese oder am Strand ausstreckt und Sonne, Wind und Geräusche auf sich wirken lässt, möchte seine Freude herausrufen, manche wie Paul Gerhardt von Herzen singen, viele Strophen lang. In den ersten acht Strophen des Liedes zieht der evangelische Dichter des 17. Jahrhunderts, der auch Pfarrer war, den Vorhang auf zu einer paradiesischen Bilderschau. Von Narzissus und Tulipan ist die Rede, von der Lerche, dem Täublein und der Nachtigall, deren Gesang in Berg, Hügel, Tal und Felder wiederhallt. Von Bächlein, Wiesen und dem Lustgeschrei der Schafe und ihrer Hirten, von Myrten, süßem Weinstock und einer unverdrossenen Bienenschar.
Wem das jetzt ein bisschen zu viel an heiler Welt ist, dem gestehe ich gerne zu: So geht es in der Natur in der Tat nicht zu, in Gerhardts märkischer Heimat schon gar nicht – wachsen dort doch zum Beispiel weder Myrte noch Wein. Auch jegliche Spur von Vergänglichkeit, von Tod, Sterben und Leid fehlt in diesem Panorama.
An die möchte allerdings auch niemand erinnert werden, der sich an Sonnenstrahlen und Urlaubsgefühlen erfreut. Doch auf die Gefühle der Menschen hat Paul Gerhardt hier gar nicht Rücksicht genommen. Er vertröstet sie auch nicht auf eine bessere Welt im Jenseits oder malt sich die Welt schön. Vielmehr inszeniert er in dichterischer Sprache ein Ideal von einer Landschaft, die an den Garten Eden, von Gott gepflanzt, aus den ersten Seiten der Bibel erinnert.
Seine Bilder verdichten die vielen Erfahrungen, die – trotz allen Leidens – mit der Natur möglich sind. Freut euch an der Schöpfung, sagt das Lied, weil sie über sich hinaus auf Gott als ihren Schöpfer weist. Paul Gerhards Sommergesang ist ein Plädoyer dafür, mit allen Sinnen im hier und jetzt zu leben.
Der ideale dichterische Garten ist im Übrigen auch ein Wink an die Menschen, sich mit ihren unvollkommenen Werken und Taten nicht so wichtig zu nehmen, sondern Gott, dem Schöpfer, die Ehre zu geben. Deshalb dürfen wir uns auf den Urlaub freuen und die freie Zeit genießen. „Man soll Gott in dem finden und lieben, was er uns gerade gibt; wann es Gott gefällt, uns überwältigendes irdisches Glück genießen zu lassen, dann soll man nicht frömmer sein als Gott und dieses Glück durch übermütige Gedanken und Herausforderungen wurmstichig werden lassen“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erholsame Sommer- und Urlaubszeit

Ihr
Pfarrer Volker Hofmann