Auf ein Wort

Zeit und Ewigkeit

Wenn Sie diesen Brief in den Händen halten, sind es noch 4, vielleicht 5 Wochen bis zum Jahresende 2018. Schon wieder ein Jahr vorbei, verflogen, dabei haben wir doch gerade erst geübt, das Datum im neuen Jahr richtig zu schreiben. Bald ist dann 2019, nicht mehr lange, und wir sind in den 20ern. Die kenne ich noch aus dem Geschichtsunterricht oder aus Fernsehfilmen – allerdings die aus dem letzten Jahrtausend, und jetzt gibt es bald neue 20er. Kinder, wie die Zeit vergeht, immer schneller. Unsere Kinder und Enkel werden immer größer, werden selbst erwachsen. Dabei wird man selbst doch gar nicht so viel älter, oder? Mir zumindest geht es so, dass ich mich manchmal wundere, dass die anderen um mich herum älter werden, ich aber fühle mich oft nicht viel anders als schon viele Jahre zuvor. Also klar, die Kurzsichtigkeit nimmt zu, auch meine Meinung zu der einen oder anderen Angelegenheit ändert sich, aber im Großen und Ganzen ändert sich der Rest der Welt viel schneller als ich mich.
Ich bringe meinen Mann zur Straßenbahn, er macht eine Reise. Bei der Abfahrt gehe ich ein paar Schritte mit der Bahn, bis sie mich überholt. Ich habe einen Gedanken. Vielleicht geht die Zeit schneller, weil ich so langsam gehe? Wie wenn man neben einer vorbeifahrenden Straßenbahn läuft? Am Anfang, wenn sie gerade erst losfährt, noch langsam, ist man gleich schnell. Je schneller ich gehe, umso länger laufen wir parallel. Wenn ich langsam gehe, hat sie mich viel früher hinter sich gelassen.

Lange Zeit dachte man, die Zeit ist eine feste Größe, vergeht gleichmäßig konstant, unabhängig davon, was geschieht. Einsteins Relativitätstheorie brachte dieses Denken ins Wanken. Inzwischen ist seine Theorie bestätigt, durch Experimente belegt. Die Zeit wird in der Physik inzwischen als eine vierte Dimension neben den Dimensionen Länge, Breite, Höhe verstanden, und dehnt sich in Beziehung zur Gravitation aus. Es gibt verschiedenen neue wissenschaftliche Ansätze, als was Zeit verstanden wird, einig ist man sich nicht. Ich bin keine Physikerin, ich kann leider keinen der Ansätze nachvollziehbar erklären. Ich habe gelernt, damit bin ich nicht allein, der Kirchenvater Augustin sagte im 5. Jahrhundert über die Zeit: „Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht“. Aber ich lese und lerne aus der Physik, dass die Vorstellung einer linearen Zeit veraltet ist. Die Unterscheidung zwischen „früher“ und „zukünftig“ gibt es in der modernen Physik nicht mehr. Alles geschieht zur gleichen Zeit. Nur wir Menschen nehmen die Momente nacheinander war, einem nach dem anderen und nur in eine Richtung. Versucht man das von außen zu beobachten (was wir natürlich nicht können), könnte man die Momente zwar benennen, aber nicht in Zukunft oder Vergangenheit einordnen. Für unseren Verstand ist das kaum nachzuvollziehen, zumindest wenn man nicht Einstein oder ein begnadeter Physiker ist. Wir leben nach vorne, wir können in der Zeit nicht rückwärts gehen. Doch vom theologischen Standpunkt gesehen, kann ich mit diesen Sätzen etwas anfangen. Hinweise auf eine Gleichzeitigkeit gibt es in der Bibel mehrfach. Zum Beispiel in den Schriften der Weisheit: „Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist“ (Prediger 3, 14-15). Auch in der Theologie versuchen wir zu verstehen, was über unseren Verstand hinausgeht. Zumindest aber anzuerkennen, dass es etwas gibt, dass über unseren Verstand hinaus geht. Für das, was außerhalb unserer zeitlichen Seins steht, nutzen wir den Begriff Ewigkeit. Die Ewigkeit beschreibt das, was außerhalb dieser räumlichen und zeitlichen Begrenzung ist. Hier verorten wir Gott. Unser Leben in dieser räumlich und zeitlich begrenzten Welt, das ist die Schöpfung. Es ist mir ein tröstlicher Gedanke, dass das jeweils eigene Leben gerade durch seine Begrenztheit zu meinem, zu einem Individuellen wird. Es ist meines, weil es Grenzen hat, man könnte auch sagen, weil es Profil hat. Und es ist mir tröstlich, dass unsere jeweilige Zeit eingebunden ist, umgeben vom grenzenlosen, zeitlosen Sein Gottes, aus dem ich komme und in das ich wieder eingehe. Die Zeit, die wir jeweils erleben, versuchen wir zu ordnen durch Unterteilungen und Zählungen wie ein Jahr und ein Jahrhundert. Sie ist längst nicht so gleichmäßig, wie unser Kalender es uns sagen will. Am 31.12. schließen wir mit einem alten Jahr ab und schlagen einen neuen Kalender mit auf. Eines der Lieder, das im Gottesdienst zu Silvester oft gesungen wird ist „Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein in dir“.

Pfarrerin Katja Föhrenbach