Auf ein Wort

Das Wasser des Lebens

Als ich 1983 als junger Pfarrer zum ersten Mal eine Kletterfreizeit mit Jugendlichen in den Dolomiten durchgeführt habe, hat der dafür vor Ort angeheuerte Bergführer uns drei wichtige Regeln genannt: „Wir rennen nicht, wir bleiben alle zusammen, und wir trinken nur in festgelegten Pausen“ Je höher die Sonne stieg, desto schweißtreibender wurde die Tour. Es stellte sich heftiger Durst ein. Am Gipfel anzukommen, dort auszuruhen und trinken zu können – das war für alle ein großartiges Gefühl. Und das noch dazu bei einem herrlichen Panoramablick über das Sellajoch und den Langkofel. Ich habe diesen Blick seit jener Zeit noch öfters genossen und mich immer wieder an dieses Gefühl der damaligen Tour erinnert.
Im letzten Buch der Bibel – der Offenbarung – gewährt uns der Seher Johannes einen Panoramablick auf das himmlische Jerusalem. Auch wenn dieses Buch für mich bis heute voller Rätsel ist, so sprechen aus seinen Worten tiefe menschliche Sehnsüchte.  Johannes spannt einen Bogen von der ersten bis zu den letzten Seiten der Bibel. Und dazwischen liegt die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Er ist der Garant, dass auch meine persönliche Lebensgeschichte zu einem guten Ende kommt. Sein Wort ist immer zugleich Tat. So auch sein Angebot, das die Jahreslosung für 2018 darstellt:

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst

Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. Trotzdem sterben jährlich über drei Millionen Menschen an unzureichender Wasserversorgung. Unvorstellbar! Noch unvorstellbarer wäre es allerdings, wenn Menschen in gefährdeten Regionen das Angebot frischen Wassers ablehnten. Sie stehen Schlange mit ihren Krügen und Kanistern! Weil sie durstig sind und ohne frisches Wasser nicht überleben können.
Es geht in der Jahreslosung um mehr als den Durst nach Wasser. Es geht um den Durst nach Leben in all seinen Facetten. Die Angebote, diesen Durst zu stillen, scheinen heute unbegrenzt zu sein. Und wir lassen uns das auch etwas kosten. Die einen investieren alles in Karriere und Anerkennung, in Gesundheit, in die Erfüllung eines Lebenstraumes oder setzen alles in Partnerschaft und Familie. Andere rennen von Event zu Event. Manche versuchen es mit einem alternativen Lebensstil bis hin zur Askese. Vieles passiert unbewusst. Das merken wir spätestens dann, wenn die Quellen versiegen, aus denen wir schöpfen. Wenn unsere Gesundheit wackelt, Beziehungen scheitern, Sicherheiten wegbrechen. Manchmal regt sich erst dann die Frage: Aus welchen Quellen lebe ich?
Gott kann unseren Durst nach Leben stillen aus einer Quelle, die nie versiegt. Das Quellwasser sprudelt, ob wir daraus schöpfen oder nicht. Der Wasserstrom in der Grafik der Künstlerin Stefanie Bahlinger springt auch nicht als erstes in den Blick. Doch er bringt Bewegung ins Bild. Er umspült das braune Gefäß. Darüber schiebt sich ein weißes Gefäß. Beide sind durch ein geschwungenes goldenes Kreuz miteinander verbunden. Es umspannt sie und erstreckt sich vom dunklen unteren Bildrand bis hinein in das warme helle Licht ganz oben. Eine geheimnisvolle Dynamik steckt in der Grafik. Da schiebt sich eine rosa Fläche mitten ins Bild. Violett ist die Farbe der Umkehr. Vielleicht ist diese Fläche ein Spiegel, den Gott mir vorhält. Er durchschaut mich. Wie Jesus die Frau am Jakobsbrunnen. Beim Wasserschöpfen legt er den Finger auf den wunden Punkt ihres Lebens, ihre vielen gescheiterten Beziehungen. Mit dieser harten Wahrheit konfrontiert, lässt er sie nicht stehen, sondern macht ihr ein Angebot, das ihr Leben verändert: „ Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten“. (Johannes 4, 13f). Gerade die vom Leben gezeichneten und verletzten Menschen lädt Gott zur Quelle ein.
Die Bibel vergleicht uns immer wieder mit Gefäßen. Keinen makellos glänzenden, sondern irdenen! Genau die will Gott mit seinem lebendigen Wasser füllen. Genau da hinein legt er seinen Glanz. So überstrahlt das goldene Kreuz die gesamte Grafik. In ihm liegt das Umsonst begründet. Gott ließ sich unsere Rettung etwas kosten. Das Leben seines Sohnes. Er hat alles bezahlt und beglichen.
Wasser und Feuer – beides findet sich im Bild. Gelborange lodert es auf der linken Bildhälfte. Wasser und Feuer haben sowohl zerstörende als auch reinigende Wirkung. Beide verwandeln. Ganz besonders das Feuer des Heiligen Geistes, der in der Pfingstgeschichte als Feuerzunge beschrieben wird. Verwandlung geschieht, wenn ich dieses lebendige Wasser aufnehme und Abgestandenes entweichen kann: Mein Wahn, die Kontrolle über mein Leben zu haben, meine Sorgen und Ängste, die oft größer sind als mein Vertrauen. Was mich blockiert und lähmt, wird fortgespült wie die dunkle Brühe aus dem braunen Gefäß. Das geht nur, wenn ich durchlässig bin. Nur so kann Gott meinen Durst nach Leben stillen.
Das zarte Grün im Bild strahlt die unerschütterliche Hoffnung auf das himmlische Jerusalem aus. Johannes gewährt uns einen Blick zur Quelle und lässt uns ahnen, was es heißt, dass am Ende der Zeit aller Durst gestillt sein wird. Die Querbalken des Kreuzes ergeben eine goldene Acht, Zeichen für die Ewigkeit. Die ineinander fließenden Blau- und Gelbtöne spiegeln dieses „Gestillt sein“ wieder.
Noch bestimmen Turbulenzen mein Leben. Wie ein Tuch umhüllt die weiße die dunkle Form. Manche Wegstrecken im Leben bringen uns an unsere Grenzen. Manche Durststrecke wird es noch geben. Doch Gottes Angebot gilt: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Pfarrer Volker Hofmann
Auferstehungsgemeinde