Auf ein Wort

Erntedank!

Erntedank gehört zu jenen Festen, die bei mir zwiespältige Gedanken auslösen. Da sind zum einen die Bilder an eine wunderschön geschmückte Kirche meiner Kindheit, an die von mir geliebte Kleinmarkthalle mit ihrem prall gefüllten Ständen Auf der anderen Seite kommen mir sofort die täglichen Nachrichten und Bilder von Menschen in den Sinn, die aus ihrer Heimat fliehen, um ihr Leben zu retten und dabei Gefahr laufen, selbst das zu verlieren. Sie fliehen vor Terror oder vor Lebensbedingungen in ihrem Heimatland, die dem Leben keine Würde lassen. Sie lassen bei ihrer Flucht alles zurück, was ihnen lieb und wert ist.

Wie passt das Erntedankfest mit der Not so vieler Menschen zusammen? Warum ist in unserem Land die Nachfrage nach den Tafeln so groß, die wenigstens für eine kurze Zeit satt machen?

Es kann dann zusammenpassen, wenn wir unsere Verpflichtung als Christen ernst nehmen, als Gemeinde die Botschaft Jesu zu leben. Dann wird durch erntedank wieder der Blick frei für den, dem wir zu dank verpflichtet sind. „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird, denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet“, so lesen wir im 1. Timotheusbrief.
In einer Zeit, in der Obst und Gemüse in unserem Land um den Preis langer Transportwege und stromintensiver Kühlketten ständig verfügbar sind, wird jedoch Erntedank leicht zum frommen Ritual. Erntedank kann auch ein guter Zeitpunkt werden, persönlich Bilanz zu ziehen. Wofür kann ich danken?

Erntedankgottesdienst in Rathewalde in Sachsen in der Saechsischen Schweiz am 18.09.2016.

Danke zu sagen bezieht sich dabei nicht nur auf die Früchte des Feldes, sondern auf unser eigenes Leben. Und da stellen sich dann viele Fragen. Was haben wir geerntet im letzten Jahr? Was haben wir in unseren Familien erreicht? Was ist uns nicht gelungen, was versagt geblieben? Welchen Anteil habe ich daran? Wie konnte es zu Trennungen, Zerwürfnissen, Enttäuschungen kommen? Habe ich mich für Menschen eingesetzt, die Hilfe benötigen?

Wir blicken aber auch auf gute ernte zurück, auf Neuanfänge, auf positive Veränderungen, auf Menschen, die an unserer Seite waren und wir blicken auf den Weg, den Gott mit uns gegangen ist. Was wir aus Gottes Saatgut machen, liegt an uns. Er beschenkt uns voraussetzungslos und knüpft seine gaben nicht an Bedingungen. Er gibt umsonst.

Nicht alle Menschen aber partizipieren an den Früchten des Lebens in gleicher Weise. Vielen Menschen bleibt das versagt, wofür wir danken können. So ist gerade auch Erntedank ein geeigneter Zeitpunkt, sich der Menschen, die im Mangel leben, die auf unsere Hilfe warten, zu erinnern. Schon Paulus erinnert im 2. Korintherbrief die Christen in Korinth daran, das die Hilfe für Bedürftige ein Dank an Gott ist für das, was wir von ihm empfangen haben.

Indem wir mit den Menschen das zum Leben Notwendige teilen, wird auch unser Danken zum Zeichen der Güte Gottes. Zum christlichen Denken gehört eben auch, anderen Menschen die Chance zu geben, ihren eigenen Selbstwert neu entdecken zu können. Tätig werden und die Aufnahme Hilfsbedürftiger sind Formen christlichen Dankens. So kann Erntedank zum Fest der Dankbarkeit des Lebens werden, das wir Gott verdanken. Es wird aber auch zur Verpflichtung, diesen Dank weiterzugeben, damit alle satt werden.

Pfarrer Volker Hofmann