Auf ein Wort

Musik ist eine Himmelsöffnerin!

Es gibt Gottesdienste, die kommen ganz ohne Gesang aus. Alternative Formen, in Berlin beispielsweise gibt es eine Gemeinde, deren Gottesdienst im Kinosaal stattfindet, die Gottesdienstbesucher*innen hören nur zu. Das geht auch. Gesang und instrumentale Musik im Gottesdienst ist kein Muss, weil es schon immer so war. Allerdings, es ist eine weitere Form der Kommunikation, unter den Menschen und zwischen Mensch und Gott. Zwischen den Menschen, das kennt man aus jedem Lied, wo einer etwas von sich preisgibt, von sich erzählt, seine Lebensdeutung an andere weitergibt. Im Gottesdienst (und auch sonst) kann das, was vermittelt wird, dann eben auch ein ganz menschliches Verständnis von dem sein, was Gott ist und wie er hier in unserer Welt auftaucht. Das habe ich selbst schon so erlebt: Ich selbst bin kein musikalisch gebildeter Mensch. Ich kann sagen, wenn Musik mich anrührt, von wem sie stammt und aus welcher musikalischen Epoche leider nicht. Ok, diese Bildungslücke könnte man aufholen. Wie sehr Musik anrühren kann, habe ich als Predigerin zum Beispiel einmal in einem Gottesdienst erfahren. Nach der Predigt spielte der Musiker, frei, am Flügel. Meine Gedanken zum Predigttext spann er weiter, legte das Wort Gottes musikalisch aus. Das was, ich selbst schon gar nicht mehr in Worte fassen konnte, fand hier seinen Ausdruck. Das rührte mein Herz an, ich ging am Ende beseelt aus dem Gottesdienst. Musik kann Inhalte weiter tragen, die (noch) nicht in Worte zu fassen sind. Und gerade die Worte über die Tiefe des Lebens und über Gott sind oft schwer zu finden. Musik kann da einen anderen Weg gehen, und so ist sie Predigt, Verkündigung, Botschafterin. Der Schriftsteller Víctor Hugo sagt es so: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“
Ebenso wie Kommunikation über Gott zwischen den Menschen kann Musik auch Kommunikation zwischen Mensch und Gott sein. Wie ein Gebet, drücken Menschen sich in der Musik aus. Eine Freundin, die viel singt, berichtete: „Musik bringt Emotionen in mir zum Schwingen – Trauer, Wut, wilde Freude, Zärtlichkeit, je nachdem. Diese Emotionen können sehr stark sein. Durch die Musik finden sie ihr Ventil. Das gibt mir Kraft und Rückhalt für mein Leben. „ Wie im gesprochenen Gebet kann ich das, was mich beschäftigt, abgeben und vor Gott bringen.
Warum rührt uns Klang so an? Vielleicht, weil es ganz frühe Erinnerungen anstößt. Das Ohr ist das erste Sinnesorgan, das ausgebildet wird, und mit dem wir etwas von außen wahrnehmen. Es ist vermutlich auch das letzte Organ, das noch etwas wahrnimmt, wenn wir Sterben. Vielleicht lässt uns der Klang auch deshalb einen besonderen Zugang finden zudem, was unseren Alltag überschreitet. Der Klang wäre dann das erste und das letzte, was man wahr nimmt. Und er ist ein Schlüssel zu dem unbeschreiblich Göttlichen. Im Hinduismus ist der Klang Om die Grundstimmung des Universums.
Physikalisch gesehen geht kein Klang verloren, die Schallwellen werden geringer, aber hören nicht auf, was zu einem unendlichen Klangteppich im Universum führt. Im Christlichen gibt es die Vorstellung, dass sich im Gesang alle Wesen treffen: die Lebenden und die Toten, die Geschöpfe des Himmels und der Erde, an Land, im Meer : Und dann hörte ich, wie alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und im Meer sangen: »Lob und Ehre und Herrlichkeit und Macht stehen dem zu, der auf dem Thron sitzt.« (Offenbarung 5,13)
Das ist eine Vorstellung, die über das für uns sichtbare Leben hinaus weist über alle zeitliche und über alle geographische Grenzen hinaus. Diese Vorstellung des universellen Gesangs begleitet unser Abendmahl. Unsere Musik ist ein Schlüssel – zu unseren Emotionen, zu Gott, über die Grenzen unseres Lebens hinaus.

Ihre Pfarrerin Katja Föhrenbach