Auf ein Wort

Tischgemeinschaft 3.0

In knapp zwei Jahren findet in Frankfurt der dritte ökumenische Kirchentag statt. Nach Berlin 2003 und München 2010 stellt sich dann elf Jahre später wieder die Frage: Wie können wir miteinander Gottesdienst feiern? Wie ist es mit einer gemeinsamen Eucharistie- bzw. Abendmahlsfeier? Sind wir in der Frage der Tischgemeinschaft weitergekommen? Was wird in Frankfurt möglich sein? 2010 gab es eine gemeinsame Agapefeier nach dem Beispiel eines orthodoxen Ritus, auf das sich alle Kirchen einigen konnten. Gibt es für 2021 neue kreative Ideen?
Noch gibt es auf diese Fragen keine Antworten. Dennoch haben sich Pfarrerin Katja Föhrenbach von der ev. Wicherngemeinde, Pfarrer Volker Hofmann  von der ev. Auferstehungsgemeinde und Pastoralreferent Markus Feldes von der kath. Pfarrei Sankt Marien getroffen, um ihre Meinungen auszutauschen.

1 a) Warum wollen wir eigentlich ein gemeinsames Abendmahl?

Markus Feldes:

Für mich waren die ökumenischen Kirchentage in Berlin und München beeindruckende Ereignisse. Ich habe an diesen Tagen jeweils mit einer Gruppe aus evangelischen und katholischen Christen teilgenommen. Und wir haben viel gemeinsam erlebt: Diskussionen über Glaube, Gesellschaft und Politik, spirituelle Impulse, Kulturelles. Und abends haben wir lange zusammengesessen und uns in der Gruppe über die reichhaltigen Erlebnisse ausgetauscht. Dabei entstand bei mir das Gefühl, bei allen unterschiedlichen Meinungen und Positionen, dass wir einem gemeinsamen Glauben getragen sind. Von Katholikentagen war ich es gewohnt, dass zum Abschluss ein großer Abschlussgottesdienst gefeiert wird, selbstverständlich mit Eucharistiefeier.
In der Eucharistiefeier wird nach meinem Verständnis nicht nur das Brot, sondern auch die feiernde Gemeinschaft zum Leib Christi. Die versammelte Gemeinde versichert sich und vergegenwärtigt sich durch die Feier der Eucharistie: Wir sind untereinander verbunden und alle zusammen mit Christus verbunden. Dadurch sind und werden wir immer wieder neu seine Kirche.
Bei Katholiken- und Kirchentagen hatte ich das Gefühl: Auch hier geschieht und ereignet sich Kirche. Eine Gemeinschaft die letztlich von Jesus Christus gerufen und versammelt wurde, die sich auf ihn und seine Botschaft beruft, entsteht. Auch wenn dies nur für vier Tage geschieht, warum sollte sich diese Gemeinschaft nicht durch die gemeinsame Eucharistie- oder Abendmahlsfeier nicht als kirchliche Gemeinschaft (auf Zeit) konstituieren und durch das gemeinsame Brot teilen untereinander und mit Jesus Christus verbinden.

Volker Hofmann:

Ich werde nie vergessen, wie ich im Jahr 2009 in Santiago de Chile in einem katholischen Gottesdienst im Stadtteil Recoletta vom dortigen Priester nicht nur als Gast begrüßt, sondern aufgefordert wurde, gemeinsam mit ihm die Eucharistiefeier zu gestalten. Die war für mich wie ein Geschenk des Himmels. Selten in meinem Leben habe ich so ein inniges Gefühl der Verbundenheit im Glauben erlebt. Ich hatte das Gefühl, Jesus ist mitten unter uns. Hier ereignete sich Kirche für mich als Gemeinschaft Jesu Christi und alle, die sein Mahl feierten wurden untereinander als Glieder des einen Leibes miteinander verbunden.

Katja Föhrenbach:

Das Abendmahl ist für mich DAS lebensspenden Sakrament, das wir als Christ*innen haben, es ist für mich eine Kraftquelle für den Alltag. Ich glaube, dass wir die Anwesenheit Jesu Christi mitten unter uns spüren können. Das möchte ich gerne mit meinen Glaubensgenoss*innen gemeinsam feiern. Es schmerzt mich, dass z.B. mein katholischer Kollege und ich das nicht in einem Kreis miteinander tun können, sondern getrennt voneinander, obwohl wir wissen, dass wir an den gleichen Jesus Christus glauben.

1 b) Warum ist Dir eine offene Abendmahlsgemeinschaft wichtig?

Markus Feldes:

Weil Jesus Christus der Gastgeber der Eucharistie- bzw. Abendmahlsfeier ist. Er lädt uns ein und hat uns versprochen, wenn wir zusammenkommen und miteinander das Brot teilen, dann ist er mitten unter uns. Wenn ich die neutestamentlichen Texte richtig verstehe, dann hat Jesus oft und zu unterschiedlichen Gelegenheiten Menschen zum Brot teilen und essen eingeladen. Und dabei sind alle satt geworden und es ist keiner ausgeschlossen worden. Im Gegenteil, Jesus hat bewusst den Kontakt zu denjenigen gesucht, die in den Augen der religiösen Obrigkeit Gott fernstanden (den Sünderinnen und Sündern). Eigentlich dürften wir uns da heute nicht hinstellen und sagen: Du und Du, ihr gehört nicht zu uns, ihr dürft Jesus nicht empfangen. Eigentlich müssten wir im Namen Jesu alle einladen. Wir können ja offen und transparent sagen, was wir unter Eucharistie verstehen und wie wir sie feiern. Und dann dem Anderen frei stellen, ob er unsere Ansicht teilen und unserer Einladung folgen kann.

Volker Hofmann:

„Wer von euch zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ – das ist für mich eine der Kernaussagen der Botschaft Jesu. Das hat er gelebt. Und genauso einladend möchte er seine Kirche in dieser Welt erleben. Auch daran, wie ernst wir diese Einladung im Blick auf die gemeinsame Mahlfeier nehmen, entscheidet sich für mich, wie lebendig wir als Kirche heute noch sind.

Katja Föhrenbach:

Menschen, die zum Abendmahl kommen möchten, nehmen das ernst, sind interessiert, keiner macht das, weil der Wein so toll und umsonst ist. All diesen Menschen sollten wir ermöglichen, vom Brot des Lebens zu kosten, denn wer wären wir, ihnen das zu verweigern?

2. Was müsste aus Deiner Sicht getan werden, damit es möglich wird?

Markus Feldes:

Ich denke, es ist noch ein weiter Weg, bis wir wirklich gemeinsam Eucharistie bzw. Abendmahl feiern können. Es gibt in der katholischen Kirche und in den Kirchen der Reformation noch Viele, die dem sehr skeptisch und ablehnend gegenüberstehen. Der erste Schritt wäre, sich weiter mit dem Glauben und der jeweiligen Auffassung von Eucharistie und Abendmahl auseinanderzusetzen. Und zwar mit Respekt und Anstand. Auf katholischer Seite besteht immer noch die Gefahr, dass man auf die „Evangelischen“ etwas hochnäsig herabschaut. Auch wenn viele Katholiken sie heute nicht mehr praktizieren, es gibt immer noch die Sonntagspflicht, die jedem Katholiken vorschreibt, am Sonntag an einer „gültigen“ Messe teilzunehmen. „Und der Gottesdienst in der evangelischen Kirche ist ja keine Messe und überhaupt viel zu wortlastig.“ Eine solche Meinung begründet immer noch ein Gefühl der Überlegenheit. Von diesem hohen Ross müsste man herunterkommen. Umgekehrt bestehen sicher auch bei protestantischen Christen Vorbehalte gegen das katholische Eucharistieverständnis, über das man nicht so einfach hinwegspringen kann. Dass z.B. der Priester in der katholischen Tradition einen hohen Stellenwert hat und in der Eucharistiefeier persona Christi handelt. Das bedeutet, er repräsentiert nicht nur Jesus Christus als Gastgeber, er ist nach katholischer Auffassung in dem Moment, da er die Einsetzungsworte spricht, der Herr.
Dazu kommen die unterschiedlichen Auffassungen von Kirche, die sicher diametral entgegenstehen: Die katholische Kirche, die sich aus der Sukzession versteht: Bischöfe sind die durch Handauflegung ernannten und geweihten Nachfolger der Apostel und somit zur Leitung der Kirche berufen. Demgegenüber die protestantische Auffassung (ich hoffe ich gebe sie richtig wieder), die den Geist Gottes in jedem Einzelnen wirken sieht und die Unmittelbarkeit jedes Menschen zu Gott betont. Darum ist die Gemeinschaft aller Getauften in der evangelischen Kirche der höchste Souverän.
Im nächsten Schritt könnte die gegenseitige Anerkennung von Eucharistie und Abendmahl erfolgen. Den evangelischen Christen ist es ja bereits von ihrer Kirche erlaubt, an der katholischen Eucharistie teilzunehmen und katholische Christen sind bereits zum Abendmahl eingeladen. Aber auf katholischer Seite besteht noch das Verbot für katholische Christen am evangelischen Abendmahl teilzunehmen und evangelische Christen sind nicht zur Teilnahme an der Eucharistie zugelassen. Eine gegenseitige Anerkennung würde das beenden und eine gegenseitige Gastfreundschaft wäre die Folge. Das entspräche dem, was innerhalb der protestantischen Kirchen die Leuenberger Konkordie ist. In diesem Vertrag haben 1973 u.a. alle evangelischen Landeskirchen (lutherische, reformierte und unierte) die gegenseitige Abendmahlsgemeinschaft beschlossen. Das bedeutet nicht, dass man den Ritus (Ablauf und Gebete der Abendmahlsfeier) vereinheitlicht hätte. Jede (Landes)-Kirche behält die Möglichkeit der eigenen Ausgestaltung.
In vielen Jahren wäre dann vielleicht der nächste Schritt möglich, dass eine gemeinsame Liturgie entworfen wird, in der dann zu besonderen Anlässen (wie z.B. bei ökumenischen Kirchentagen) dann tatsächlich auch gemeinsam Eucharistie / Abendmahl gefeiert wird und ein katholischer Priester und ein evangelischer Pfarrer der Feier gemeinsam vorstehen.

Volker Hofmann:

Erste Schritte sind wir in meinen Augen mit den ökumenischen Kirchentagen der vergangenen Jahre bereits gegangen. Zur Einheit im Glauben gehört für mich auch die gemeinsame Feier des Abendmahles. Wir haben auf evangelischer Seite ja auch lange gebraucht, um mit der Leuenberger Konkordie 1973 die volle Kirchengemeinschaft der reformierten und lutherischen Kirchen herzustellen. Dem vorausgegangen waren langjährige Lehrgespräche unter Aufnahme von Erfahrungen mit gemeinsamen Gottesdienst- und Abendmahlsfeiern.  Auch die gegenseitige Anerkennung der Ordination gibt es erst seit dieser Zeit. Mit der Leuenberger Konkordie wurde die Kirchenspaltung der reformatorischen Kirchen beendet.
Einen ähnlichen Prozess halte ich für dringend geboten im Verhältnis evangelisch – katholisch. Natürlich gibt es hier noch andere Lehrunterschiede, wie Markus Feldes oben ja dargestellt hat – doch für mich ist die gemeinsame Feier von Gottesdienst und Abendmahl die zentrale Kraftquelle meines Glaubens.
Für mich wäre ein erster wichtiger Vertrauensschritt die gegenseitige volle Anerkennung der katholischen Kirche und der evangelischen Kirchen als Kirche Jesu Christi, geeint im Zeugnis für den auferstandenen Christus.

Katja Föhrenbach:

Von Theologen höre ich immer wieder, dass, wer ein gemeinsames Abendmahl feiern will, sich zunächst weiter  theologisch damit auseinandersetzen muss. Ich erinnere mich, dass ich mich gegen Ende meiner Studienzeit, Ende der 90ermit der Diskussion um das gemeinsame Abendmahl eingelesen habe. Nach einiger Zeit und einigen Aufsätzen konnte ich die Differenzen gut nachvollziehen und sah aus der evangelischen Position heraus nach gegenwärtigem Stand keine Möglichkeit das Abendmahl so, wie es die Vertreter der Kirchen darlegten, gemeinsam zu feiern.
Die Frage ist, was hilft das? Ist es Auftrag der Kirche, dass sich Theologen über die Bedeutung einzelner Riten den Kopf zerbrechen und das in Worten versuchen darzulegen? Unser Abendmahl fußt auf der Einladung Jesu Christi, mit ihm zusammen am Tisch zu sitzen, zu essen, zu trinken und zu beten. Zu feiern, dass er mitten unter uns. Und dazu lädt er alle ein. Jesus war ein Praktiker. Er hat immer wieder deutlich gemacht, wie lebensfeindlich es sein kann, wenn man sich in Regeln verrennt, statt aus der Liebe Gottes heraus zu handeln und weiterzugeben, was man von ihm bekommt. Ich glaube daran, dass dieses Mahl Menschen für ihr Leben stärkt. Es ist eine der größten Schätze, die wir in unserer Religion haben. Und wir teilen ihn nicht, sondern schränken ein, überlegen, wer dazu kommen kann, und wer nicht, schaffen es nicht einmal, gemeinsam einen Tisch zu kommen. Manchmal schäme ich mich dafür, wenn ich das Menschen, die nach der christlichen Religion fragen, erklären muss. Denn wer von außen fragt, was denn nun daran sei, als Christ oder Christin zu leben, der kann darüber doch nur den Kopf schütteln.

3. Welche neutestamentlichen Aussagen sind Dir im Blick auf die Abendmahlsgemeinschaft wichtig.

Markus Feldes:

Als älteste Quelle für die Einsetzungsworte beim Abendmahl gilt die Stelle bei Paulus im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth (1 Kor 11,23-26). Ich finde bemerkenswert, dass diese Stelle mit folgendem Satz endet: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ Paulus stellt also heraus, dass wir nicht nur Abendmahl feiern, um selbst im Glauben gestärkt zu werden und der Gemeinschaft untereinander und mit Jesus vergewissert zu werden, sondern er betont den Verkündigungscharakter. Eine Eucharistiefeier erinnert uns also auch daran, dass wir nicht Kirche für uns selbst sind, sondern Jesus uns zu den Menschen sendet.

Volker Hofmann:

Wichtigste Stelle ist für mich das Zeugnis der Apostelgeschichte (Apg. 2, 42): „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“. Das bedeutet Vergewisserung im Glauben, getragen sein in der Gemeisnchaft und gesandt sein in die Welt.

Katja Föhrenbach:

Zum einen ist mir das Setting des letzten Abendmahls Jesu mit seinen Jüngern sehr wichtig. Jesus sitzt mit allen zusammen, einer ist dabei, ihn zu verraten, mindestens einer wird kurze Zeit später abstreiten, Jesus zu kennen. Das ist das Gegenteil von einer heilen Welt. Und mittendrin, für alle diese unvollkommenen, normalen Leute gibt er sich her. (Markus 14,12-32)

Deine Hoffnung für den ökumenischen Kirchentag 2021 ist …

Markus Feldes:

Dass wir auch ohne Abendmahlsgemeinschaft zusammen beten und Liturgie feiern können. Ich bin sicher, dass sich diese Hoffnung erfüllt.

Volker Hofmann:

Ich hoffe, das Verbindende wird im Mittelpunkt stehen. Das, was uns heute schon eint. Das Feiern von Gottesdiensten auch ohne Abendmahlsgemeinschaft kann das Verbindende des Glaubens deutlich machen. – ich hoffe aber auch auf neue Impulse zur Überwindung des Trennenden…….

Katja Föhrenbach:

Dass die Menschen miteinander feiern und Brot und Gemeinschaft teilen. Da ist Gottes Geist unter uns.